Homo Sapiens 2.0

  • Hier mal ein Ansatz, auf dem ich seit einiger Zeit rumdenke: Mir ist irgendwann aufgefallen, dass die Fähigkeit, Emotionen und Fakten getrennt voneinander zu bewerten / bearbeiten / betrachten eine ganz wichtige Kompetenz ist. Und ich halte das für eine Kernkompetenz vieler Autisten.

    In meinem beruflichen Umfeld ist das Vermischen von Befindlichkeiten mit Fakten ein Handicap, das viele meiner NT-Kollegen sehr unprofessionell und schwierig im Umgang mit Kunden und Kollegen macht. Sie KÖNNEN das gar nicht trennen und das macht ihnen das Leben oft sehr schwer.

    Seit mir das bewusst geworden ist, bin ich der Meinung, dass unser Gehirn evtl. eine evolutionäre Weiterentwicklung ist. (Ja, im Fall von schwerem frühkindlichen Autismus z.B. hat es die Evolution da etwas "übertrieben". Aber Extreme gibt es ja bei jedem Evolutionsschritt.)

    Sind wir, die wir hier sitzen und uns über dieses Forum austauschen, nicht in gewisser Weise viel leistungsfähiger als der Rest der Menschheit? Im Alltag mag sich das für die meisten von uns ganz und gar nicht so anfühlen. Aber das liegt doch daran, dass die Welt noch nicht bereit für uns ist. Es ist doch alles noch auf den Mehrheits-Menschen ausgerichtet und der ist nunmal Nicht-Autist.

    Stellt Euch doch mal vor, die Welt wäre auf uns ausgerichtet. Wie viel effizienter, klüger und friedlicher wäre sie.

    (Mein Mann [Nicht-Autist] sagt immer: "Wenn es doch mehr von Euch gäbe... Die Welt wäre ein besserer Ort.")

    Ein Erlebnis, das meine "Homo Sapiens 2.0"-Theorie nochmal befeuert hat (sonst hätte ich mich gar nicht getraut, das hier zu schreiben): Eine Bekannte (Nicht-Autist) hat neulich, ohne von meinen Gedanken zu wissen, zum Stichwort "Autismus" gesagt: "Naja, die Menschheit entwickelt sich halt weiter." Und dann hat sie mir erklärt, dass sie der Überzeugung ist, dass Autisten eine evolutionäre Weiterentwicklung sind.

    Wenn man darüber nachdenkt, wäre das auch eine weitere (!) Erklärung (neben manch anderen naheliegenden) dafür, warum es immer mehr Autisten gibt.

    Wie findet Ihr die Idee? Wir sind nicht "gehandicapped", wir sind einfach die Vorreiter eines neuen Menschentyps, der irgendwann Standard sein wird. Wir sind einfach nur die ersten und daher (leider) unserer Zeit noch voraus.

  • Sind wir, die wir hier sitzen und uns über dieses Forum austauschen, nicht in gewisser Weise viel leistungsfähiger als der Rest der Menschheit?

    Im Gegenteil. Viele sind ohne Hilfen gar nicht lebensfähig.


    Stellt Euch doch mal vor, die Welt wäre auf uns ausgerichtet. Wie viel effizienter, klüger und friedlicher wäre sie.

    Auch hier klares Veto. Das gäbe nur Mord und Totschlag.

    In anderen Foren kann man das sehr gut beobachten.


    Mir ist irgendwann aufgefallen, dass die Fähigkeit, Emotionen und Fakten getrennt voneinander zu bewerten / bearbeiten / betrachten eine ganz wichtige Kompetenz ist. Und ich halte das für eine Kernkompetenz vieler Autisten.

    Auch das stimmt nicht wirklich. Fakten bewerten, ja. Aber Emotionen bewerten klares nein.

    Beim Bearbeiten von Daten ist das praktisch. In dem Moment wo aber Kollegen dazukommen wird es schwierig bis extrem schwierig. Der Mensch überträgt in seiner Kommunikation etwa 80% nonverbal und nur 20% verbal. Dem Autisten geht also extrem viel Information verloren, bzw er nimmt sie gar nicht wahr.

    Das ist keine Kernkompetenz, das ist Kernversagen.

    Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe. Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.

  • Danke, Ginome, dass Du Dir Gedanken zu meinen Überlegungen gemacht hast.

    Ich denke, Deine Einwände widersprechen meinen Aussagen gar nicht wirklich.

    Dass Autisten (diejenigen ohne schwere geistige Beeinträchtigung) in gewissen Bereichen leistungsfähiger sind als die meisten NTs bedeutet ja nicht, dass sie nicht u.U. bei Dingen, die für NTs unproblematisch sind, trotzdem Unterstützung brauchen. Und genau diese gibt es ja in einer Autisten-freundlichen Welt ganz selbstverständlich und flächendeckend.

    Die Foren, von denen Du sprichst, befinden sich ja auch nicht in der auf Autisten ausgerichteten idealisierten Welt der Zukunft, von der ich spreche.

    Und in Deinem letzten Punkt widersprichst Du mir, dass Autisten Emotionen nicht besser bewerten können als NTs. Aber das sage ich ja nicht. Ich sage, dass Autisten m.E. im Allgemeinen in ihrer Kommunikation besser in der Lage sind, Emotionen von Fakten zu trennen.

    Ich bin mir auch nicht sicher, ob Autisten wirklich zu 80% nonverbal kommunizieren. In der Welt, die ich skizziere, wird dem Rechnung getragen. In vielen Berufen kann man z.B. einen Großteil der Zeit ohne Optik kommunizieren. Also schriftlich oder wenn nötig über reine Audio-Telefonate. Und wenn es in einer Gesellschaft dann irgendwann mal zu den Tugenden gehört, nicht zwischen den Zeilen zu kommunizieren, keine "Spielchen zu spielen" und Fakten von Emotionen zu trennen, kommen Autisten auch in Face-to-Face-Berufen besser zurecht.

    Ich spreche tatsächlich von einer Welt der Zukunft, in der sich die Stärken von Autisten in gewisser Weise zunehmend "durchsetzen", weil diese Fähigkeiten zunehmend für die Gesellschaft relevanter werden und die Gesellschaft den Bedürfnissen von Autisten dementsprechend zunehmend Rechnung trägt (oder tragen muss).

  • Emotionen und nonverbale Kommunikation ist ein evolutionärer Vorteil und er betrifft tatsächlich alle Arten auf diesem Planeten.

    Autisten haben da eindeutig ein großes Problem.


    Eine Gesellschaft nur mit Autisten ist auch nicht wirklich möglich. Die meisten Autisten haben weder Partner noch Kinder.

    Wie soll sie also entstehen? Dazu hockt jeder alleine in seiner Wohnung und geht seinen Interessen nach.

    Und sowas gezielt aufbauen funktioniert auch nicht. Größere Projekte, wie zb Vereine, scheitern alle früher oder später genau an diesem Problem. Da sind maximal eine Hand voll Leute, die was tun. Alles andere hängt in seiner kleinen Welt.

    Dafür gibt es massenweise Beispiele.


    Nein, Autisten sind ganz gewiss nicht die nächste Evolutionsstufe. Ohne NAs wären die allermeisten Autisten gar nicht in der Lage zu leben, und in einer fiktiven rein-autistischen Gesellschaft würden die auch nicht lange leben.

    Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe. Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.

  • Danke, dass Du Deine persönliche Meinung zu meinen Überlegungen geteilt hast, Ginome. :)

    Auch mit einer rein-autistischen Gesellschaft sprichst Du von etwas, das ich nicht sage. Dass Autisten mehr der Standard werden, heißt ja nicht, dass es keine Nicht-Autisten mehr gibt. (Obwohl sich die Lebewesen evolutionär mal vom Wasser ans Land begeben haben, sind die wasser-lebenden Lebewesen ja nicht verschwunden.)


    Und ich sehe in meinem Alltag häufig, dass Emotionen und nonverbale Kommunikation vielen Menschen in vielen Bereichen sehr im Weg stehen und ihnen das Leben mit ihren Mitmenschen unnötig schwer machen. Da in der Lage sein, zu trennen und sich rein auf die Fakten-Ebene zu fokussieren, ist ein klarer Vorteil. Das heißt ja nicht, dass man gar nicht mehr nonverbal kommuniziert oder keine Emotionen mehr relevant sind. Im Gegenteil.


    Auch die Pferde haben vermutlich nicht geahnt, dass sie irgendwann mal so groß wie heute sein werden, als sie in Katzen-Größe durchs Unterholz gelaufen sind. Mit der Zeit haben sich aber die äußeren Bedingungen derart geändert, dass sich auch die Pferde verändert haben. (Mir ist bewusst, dass Pferde über sowas vermutlich nicht nachdenken. Ja. Aber ich hoffe, das Bild macht klar, was ich meine.)


    Aber es ist für mich vollkommen ok, wenn Du Dir das, was mir da durch den Kopf geht, nicht vorstellen kannst. Mir fällt aber auf, dass ich überlege, was sein könnte (und das auch so formuliere) und Du sagst "XYZ ist so". Und da widerspreche ich dann doch, weil auch Du lediglich Deine persönliche Meinung kommuniziert. (Die ich durchaus respektiere, auch wenn sie meiner eigenen widerspricht.)

  • Das heißt ja nicht, dass man gar nicht mehr nonverbal kommuniziert

    Genau das ist aber bei Autisten häufig der Fall, bzw extrem reduziert und / oder falsch.


    Um einen evolutionären Sprung zu machen muss die Art davon einen Vorteil haben. Der ist aber bei Autismus nicht gegeben, im Gegenteil. Auch dem Autist stehen Emotionen im Weg. Beispiel ist da zb bei Veränderungen.

    Autisten sind nicht emotionslos, im Gegenteil. Und Dein "aktives Trennen" von Emotion und Ratio gibt es halt nicht.

    Nur weil der Autist hauptsächlich auf der Sachebene kommuniziert heißt das ja nicht, dass da sonst nichts wäre, oder gar das er das bewusst täte.

    Davon mal abgesehen: Wenn ich zb aus Überforderung heule und schreie ist das alles andere als emotionslos...


    Wenn man das aktiv trennen könnte wäre man zb den fiktiven Vulkaniern sehr ähnlich. Aber auch diese haben massive Probleme mit ihren Emotionen. Das kommt immer wieder zur Sprache.

    Es gibt aber keine Vulkanier. ;)

    Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe. Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.

  • Hier mal ein Ansatz, auf dem ich seit einiger Zeit rumdenke: Mir ist irgendwann aufgefallen, dass die Fähigkeit, Emotionen und Fakten getrennt voneinander zu bewerten / bearbeiten / betrachten eine ganz wichtige Kompetenz ist. Und ich halte das für eine Kernkompetenz vieler Autisten.

    ...

    Stellt Euch doch mal vor, die Welt wäre auf uns ausgerichtet. Wie viel effizienter, klüger und friedlicher wäre sie.

    Entschuldige bitte, ich halte diese Darstellung für völligen Unsinn. Sieh' Dir mal an wie es in den verschiedenen Autismusforen und Selbsthilfegruppen z. T. zugeht. Da ist von Effizienz, Klugheit und Frieden oft überhaupt nichts zu erkennen. Das Klischee der Autisten widerspricht den Tatsachen leider oft sehr.

  • Vitaminzwerg

    Ein schöner Gedanke :) Ich kann mir gut Vorstellen, dass es Menschen gibt, deren "Setting" manches einfacher machen würde. Soweit ich das (auch in einem anderen Forum) erlebt habe, muss ich mich leider Ginome und Farlefinz anschließen.

    Wenn ich mir vorstelle, dass jedes Mitglied (und natürlich auch "Ohneglied") einer Regierung entspricht, hat sich Homo sapiens noch schneller selbst abgeschaft.

    Aber vielleicht bin ich da auch zu sehr in meinem Gedankenmodell gefangen.


    Aller trübsal zum Trotz gibt es natürlich auch sehr nette Menschen "hüben wie drüben"(RW) :grin:



    Es gibt aber keine Vulkanier. ;)

    Das kann ich natürlich NICHT unkommentiert stehen lassen...


    Nur weil wir die noch nicht gefunden haben, bedeutet das nicht Automatisch, dass es die nicht gibt!!
    Siehe "Fermi-Paradoxon" :D

    Ich bin selten nachtragend, ich kann mir nur vieles merken ;)

  • Das kann ich natürlich NICHT unkommentiert stehen lassen...


    Nur weil wir die noch nicht gefunden haben, bedeutet das nicht Automatisch, dass es die nicht gibt!!
    Siehe "Fermi-Paradoxon" :D

    Okay okay XD

    Nach aktuellem Stand gibt es keine Vulkanier ;)

    Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe. Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.

  • Und ich halte das für eine Kernkompetenz vieler Autisten.

    Das habe ich aber sowohl im direkten Kontakt mit Autisten als auch im Kontakt via Internet anders erlebt...


    Sind wir, die wir hier sitzen und uns über dieses Forum austauschen, nicht in gewisser Weise viel leistungsfähiger als der Rest der Menschheit?

    Also, ich ganz bestimmt nicht. Ich habe nicht umsonst einen unbefristeten SBA mit einem GdB von 60 und bin momentan dabei, EM-Rente zu beantragen. Und die Autisten, die ich kenne, sind auch nicht leistungsfähiger als der Rest der Menschheit. Denen geht es auch nicht soviel anders als mir.


    Stellt Euch doch mal vor, die Welt wäre auf uns ausgerichtet. Wie viel effizienter, klüger und friedlicher wäre sie.

    Nach über acht Jahren in diversen Autismus-Foren würde ich eher sagen, es wäre die Hölle auf Erden. Jeder würde sein Ding durchziehen wollen, es gäbe ständig nur Missverständnisse und dadurch auch ständig Zankereien. Man würde sich ewig im Kreis drehen und käme letzten Endes keinen Meter vorwärts.


    Und dann hat sie mir erklärt, dass sie der Überzeugung ist, dass Autisten eine evolutionäre Weiterentwicklung sind.

    Meiner Meinung nach sind wir einfach nur fehlerhafte Mutanten. Würden wir noch so leben wie in der Steinzeit, würden wir auch ganz schnell wieder aussterben, weil wir schlicht und ergreifend nicht überlebensfähig wären.


    Wenn man darüber nachdenkt, wäre das auch eine weitere (!) Erklärung (neben manch anderen naheliegenden) dafür, warum es immer mehr Autisten gibt.

    Das dürfte wohl eher daran liegen, dass besonders das Asperger-Syndrom bis Anfang der 90er kaum bekannt war und es dürfte auch an einer nicht zu vernachlässigenden Anzahl an Fehldiagnosen liegen. Bestes Beispiel dafür dürfte wohl eine Ärztin aus Bremen sein, die dafür berüchtigt ist, fast jedem die Diagnose Autismus zu verpassen. Zudem ist für viele die Diagnose Autismus "erstrebenswerter" als z.B. die Diagnose Borderline. Da wird dann auch gern so oft eine Diagnostik gemacht, bis man endlich die gewünschte Diagnose bekommen hat.

  • Also, ich ganz bestimmt nicht. Ich habe nicht umsonst einen unbefristeten SBA mit einem GdB von 60 und bin momentan dabei, EM-Rente zu beantragen. Und die Autisten, die ich kenne, sind auch nicht leistungsfähiger als der Rest der Menschheit. Denen geht es auch nicht soviel anders als mir.

    ich auch nicht


    Nach über acht Jahren in diversen Autismus-Foren würde ich eher sagen, es wäre die Hölle auf Erden. Jeder würde sein Ding durchziehen wollen, es gäbe ständig nur Missverständnisse und dadurch auch ständig Zankereien. Man würde sich ewig im Kreis drehen und käme letzten Endes keinen Meter vorwärts.

    Ohja.. und friedliche Projekte wie zb ein Wiki scheitern daran, dass die Leute zu sehr in ihrer kleinen Welt leben.


    Meiner Meinung nach sind wir einfach nur fehlerhafte Mutanten. Würden wir noch so leben wie in der Steinzeit, würden wir auch ganz schnell wieder aussterben, weil wir schlicht und ergreifend nicht überlebensfähig wären.

    Korrekt. Heutzutage wird jeder Behinderte irgendwie "durchgezogen". In der Steinzeit wären wir schlicht verhungert.

    Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe. Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.

  • Leistungsfähigkeit:

    Ich bin nur von einer leichten ASS-Form betroffen, habe keine Komorbiditäten und eine gute Intelligenz. Dennoch bin ich nicht leistungsfähiger als die meisten Menschen um mich herum. Im Gegenteil, je älter ich werde, desto schneller bin ich erschöpft, brauche mehr Regenerationszeit und meine Reizfilterschwäche nimmt zu. Beruflich komme ich gerade so am Limit (RW) zurecht. Privat bin ich mittlerweile ganz glücklich, weil ich es geschafft habe, meine Nische zu finden. Der Großteil der Autisten ist jedoch schwerer betroffen als ich.


    Ich kann zwar in einzelnen Teilbereichen oft bessere Leistungen erbringen, als mein nicht-autistisches Umfeld, aber diese Bereiche sind sehr begrenzt.


    Zitat von Ginome


    Davon mal abgesehen: Wenn ich zb aus Überforderung heule und schreie ist das alles andere als emotionslos...

    Dem kann ich mich (leider) anschließen. Also auf mich bezogen.



    Ich bin ebenso nicht der Ansicht, dass es immer mehr Autisten gibt, sondern, dass heute im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten mehr Menschen als Autisten erkannt und diagnostiziert werden, was u. a. daran, liegt, dass Autismus mittlerweile als breites Spektrum angesehen wird.


    Simon Baron-Cohen legt in seinem Werl "The Pattern Seekers" nahe, dass Autismus bis in die Zeit der Kognitiven Revolution vor über 50000 Jahren zugeführt werden kann.


    Insgesamt denke ich, dass ein paar Aspie-Gene der Menschheit seit jeher dienlich waren (RW) - ebenso wie z. B. ein paar ADHS-Gene etc. So lange es sich nur um sehr leichte Formen und wenige Mutationen handelt, kann die gesamte Spezies profitieren. Schwere Mutationen sorgen jedoch meist "selbst" dafür gar nicht im Genpool vorhanden zu bleiben.


    Ich habe schon mal in einem ähnlichen Kontext vor einiger Zeit einen Text verfasst, den ich hier in Ausschnitten einbringen möchte:


    Dass Menschen mit bestimmten Syndromen, bestimmte Eigenschaften vermehrt zugeschrieben werden, ist kein Novum. Das bedeutet jedoch weder, das alle Menschen mit diesem Syndrom auch tatsächlich die Eigenschaft X haben noch heißt es ebenso wenig, dass Menschen ohne das Syndrom die Eigenschaft nicht auch aufweisen können. Jeder Mensch bleibt Individuum.


    Aspie Criteria


    In Abgrenzung zu der defizitorientierten Beschreibung des Asperger-Syndroms durch die medizinischen Klassifikationsmanuale ICD und DSM haben T. Attwood und C. Gray mit „The Discovery of Aspie Criteria“ den Fokus nicht auf Einschränkungen und Mängel gerichtet, sondern Eigenschaften aufgelistet, die mit dem Asperger-Syndrom als typischerweise einhergehend angesehen und gewöhnlich eher positiv konnotiert sind. So werden beispielsweise Attribute wie Ehrlichkeit und Loyalität genannt.


    Was der eine Leser als „gesehen werden“, als „Wertschätzung an seiner Art zu sein“ versteht, mutet dem anderen als nicht ernstnehmbare Hybris an. Der immer ehrliche Aspie, stets rational und logisch, loyal und tiefgründig. Ein neuer Mensch?


    Aspie: Defizitär oder Übermensch?


    Manche Leser kritisieren an Attwood, dass er versuche einen positiven Prototypen eines „Ideal-Aspergers“ zu zeichnen und dabei den Blick für die klinischen Einschränkungen verliere. Allerdings: Man muss den Bogen gar nicht so weit spannen (RW), um z. B. von Subtextschwäche und dem Fehlen intuitiv verstandener sozialer Spielregeln zu „ehrlich“ zu gelangen und von dem Bedürfnis nach Routine und der Angst vor Veränderungen zu „loyal“.


    Ich denke nicht, dass Eigenschaften an sich immanente Werte haben. Vielmehr denke ich, dass es wenig sinnvoll ist, eine Eigenschaft isoliert bewerten zu wollen. Ein und dieselbe Eigenschaft kann sich schließlich in unterschiedlichen Settings und bei wechselnden Rahmenbedingungen als nützlich oder schädlich erweisen. Sie kann positive, neutrale oder negative Effekte auf das Individuum und die Spezies haben.


    Oft werden Menschen nach ihren Stärken und Schwächen gefragt. Ich frage mich: Warum nicht (wert-)neutraler nach Eigenschaften fragen? Warum schon unbedingt eine Bewertung vorwegnehmen? Würde ich nach einer meiner größten Stärken befragt werden, so antwortete ich sicherlich: „Loyalität“. Wäre die Frage die, nach einer meiner größten Schwächen, so bliebe die Antwort mittlerweile die Gleiche. Es ist eine Eigenschaft von mir, sehr loyal zu sein. Diese Eigenschaft kann eine große Stärke sein und positive Resultate bewirken. Sie kann mir (und anderen) aber (potentiell) auch schaden – dann, wenn ich loyal dableibe, obwohl es besser wäre zu gehen.


    Ich bin keine (Evolutions-)Biologin. Ich glaube aber, dass es sinnvoll ist, anzunehmen, dass eine Spezies über einen langen Zeitraum besonders erfolgreich existieren kann, wenn sie möglichst viele Nischen besetzen und sich anpassen kann. Ich sehe die Menschheit als eine solche Spezies an. „Neurotypie“ sehe ich als menschliches neuronales Default-Programm. Es ist der „Allrounder“ im weiten Feld der Neurodiversität*. Der typische „neuronale Code“ ist am weitesten verbreitet. Eine große Anzahl neurotypischer Menschen im allgemeinen Genpool hat zumindest bislang nicht zum Aussterben der Spezies geführt.


    Mutationen (die nicht zum Ausscheiden aus dem Genpool führen) und Vererbung bringen [immer mal wieder] andere, atypische neuronale Codes hervor und ggf. in den Genpool ein, die dann unter Namen wie Schizophrenie, Borderline, ADHS oder eben Autismus klassifiziert und bekannt werden.


    Ich gehe davon aus, dass eine neurodiverse Spezies auf längerer Sicht bessere Aussichten auf Fortbestand hat als eine neurohomogene. „Neuro-Atypien“ bergen einerseits große Chancen, neue Nischen zu besiedeln oder besser mit neuen Problemen umgehen zu können. Andererseits stellen sie aber auch ein Risiko dar und gefährden schlimmstenfalls die Spezies. Abweichungen von der Norm können positive, neutrale und negative Auswirkungen haben, sowohl für das Individuum als auch die ganze Art.


    Die Sichtweise, das Asperger-Syndrom als nächsten Evolutionssprung der Spezies Mensch zu betrachten, teile ich nicht. Sie scheint mir weder naturwissenschaftlich noch ethisch haltbar zu sein. Für manch einen Autisten, der große Schwierigkeiten hat, in seinem Alltag zurechtzukommen oder Angehörige „schwer Betroffener“ samt SBA, Betreuung und Erwerbsunfähigkeit mag diese Interpretation wie Hohn erscheinen. Die Bezeichnung „Autismus“ war vor nicht allzu langer Zeit, jenen vorbehalten, die von frühster Kindheit an auffällige Manierismen aufweisen, größtenteils nonverbal sind und sogar zu einem nicht unerheblichen Teil geistig behindert. Erst nach und nach kam die Idee eines autistischen Spektrums auf, das heute eine Spanne von Autisten mit leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten bis hin zu Autisten, die sich nie allein versorgen werden können, umfasst. Asperger-, Kanner-, und atypische Autisten werden Teil einer gemeinsamen Störung, der „Autismus-Spektrum-Störung“.


    [...]


    Mir persönlich gefällt der Gedanke eines großen Spektrums, das die Kernkriterien vereint, aber Raum für individuelle Ausprägungen und unterschiedliche Schweregrade lässt. [...]



    *Ich meine mit der Verwendungen des Begriffs Neurodiversiät KEINE ideologische Bewegung.


    Zusätzlich möchte ich noch einen Essay von einem meiner Lieblingsblogger (er ist Psychiater) zu dem Thema, ob Autismus als Trade-Off angesehen werden kann, verlinken:


    https://astralcodexten.substac…sychiatric-conditions-653

  • Mir ist irgendwann aufgefallen, dass die Fähigkeit, Emotionen und Fakten getrennt voneinander zu bewerten / bearbeiten / betrachten eine ganz wichtige Kompetenz ist.


    Hallo,


    aus meiner Sicht brauchen unterschiedliche Situationen unterschiedliche Kompetenzen.


    In der einen Situation ist Kompetenz A besser, in einer anderen Situation die Kompetenz B, usw.


    Es gibt Situationen, wo Perspektivwechsel, Mitgefühl, und ähnliches, wichtige Kompetenzen sind.


    Genau so Situationen wo die Kompetenz/en wichtiger sein können, wie du es beschrieben hast.


    Bei schlimmen Situationen, Unfall, Katastrophe, o.ä. behalte ich einen "kühlen Kopf" behalte den Überblick, usw.


    Während manche NAs in Panik geraten, oder erstarren oder mit der Situation überfordert sind.


    Ich könnte aber einem Patient oder dessen Angehörigen nicht angemessen eine schlechte Nachricht überbringen.


    Jeder hat Kompetenzen, die abhängig von der jew. Situation wichtig/hilfreich sind, finde ich.


    Wir sind nicht "gehandicapped", wir sind einfach die Vorreiter eines neuen Menschentyps, der irgendwann Standard sein wird.


    Kann ich nicht sagen, ich kann nicht in die Zukunft gucken.


    Selbst wenn das so wäre mit dem Vorreiter, hilft mir das nur leider aktuell auch nicht.


    Wenn ich durch die Gegend laufe und mich für einen Vorreiter halte, werde ich wohl eher für bekloppt gehalten.


    Zitat von pinterest

    Sämtliche Fehlentwicklungen im Land sind darauf zurückzuführen, dass das Volk meine Reden verpasst, weil mein Balkon nach hinten raus geht.


    Ich habs doch gewusst! :grin:


    LG Pixel.

  • Da die Reaktionen allesamt an meinen Aussagen vorbei argumentieren, oder sogar das bekräftigen, was ich sage, aber im Ton des Widerspruchs, sehe ich ein, dass es keinen Sinn macht, meine Hypothese weiter zu erläutern. Ich werde nicht weiter argumentieren oder widersprechen.

    Bei derartigen Themen ist es echt wichtig, die vollständige Differenziertheit von Aussagen zu berücksichtigen. Sonst legt man jemandem etwas in den Mund, was er weder gesagt noch gemeint hat und erzählt ihm dann, wie doof man das findet (oder wie hier sogar, wie doof das ist), was er da (in Wahrheit gar nicht) von sich gibt. Da kann es durchaus passieren, dass derjenige sich dann ziemlich locked-in und zu Unrecht plattgemacht fühlt.

    Aber auch wenn das für mich jetzt keine schöne Erfahrung ist, habe ich andererseits wieder viel über die Welt und ihre Menschen gelernt.

    Außerdem scheine ich hier vielen Menschen die Erfahrung geschenkt zu haben, sich einig zu sein. (Auch wenn es Einigkeit gegen etwas ist, das so gar nicht existiert.) Also versuche ich mich damit zu trösten, wenigstens indirekt eine gute Tat begangen zu haben.

  • Ich werde nicht weiter argumentieren oder widersprechen.

    Bei derartigen Themen ist es echt wichtig, die vollständige Differenziertheit von Aussagen zu berücksichtigen.


    Ließt sich für mich als Widerspruch. Wenn das doch so wichtig wäre, dann erklärs uns doch?


    Ich habe mir Mühe gegeben, im Rahmen meiner Auffassungsgabe auf dein Thema einzugehen.


    Scheinbar habe ich (evtl. auch andere?) nicht ausreichend verstanden, worauf du hinaus wolltest.


    Was bei mir zumindest autismusbedingt ist, manchmal nicht/schwer zu verstehen worauf jemand hinaus möchte.


    Außerdem scheine ich hier vielen Menschen die Erfahrung geschenkt zu haben, sich einig zu sein. (Auch wenn es Einigkeit gegen etwas ist, das so gar nicht existiert.) Also versuche ich mich damit zu trösten, wenigstens indirekt eine gute Tat begangen zu haben.


    Ging es dir um jedem seine Meinung dazu, oder hattest du dir eher Bestätigung für deine Theorie erhofft?


    Auf mich wirkst du etwas enttäuscht, das die meisten einfach nicht auf deinen "Zug mit aufgesprungen" sind.


    LG Pixel.

  • Und ich halte das für eine Kernkompetenz vieler Autisten.

    Nach mehreren Jahren in verschiedenen Autismus-Foren und mit Autisten im echten Leben halte ich das definitiv nicht für eine Kernkompetenz von Autisten. Nach meiner Erfahrung sind Autisten da kein bisschen besser als NAs.


    Sind wir, die wir hier sitzen und uns über dieses Forum austauschen, nicht in gewisser Weise viel leistungsfähiger als der Rest der Menschheit? Im Alltag mag sich das für die meisten von uns ganz und gar nicht so anfühlen. Aber das liegt doch daran, dass die Welt noch nicht bereit für uns ist. Es ist doch alles noch auf den Mehrheits-Menschen ausgerichtet und der ist nunmal Nicht-Autist.

    Nein, sind wir nicht. Selbst in einer auf Autisten ausgerichteten Welt verschwinden die vielen autismusbedingten Defizite doch nicht und man wird dadurch auch nicht viel leistungsfähiger. Schon gar nicht leistungsfähiger als der Rest der Menschheit.


    Stellt Euch doch mal vor, die Welt wäre auf uns ausgerichtet. Wie viel effizienter, klüger und friedlicher wäre sie.

    Die Welt wär alles, aber nicht friedlicher. Schau dich mal in den Autismusforen um, wie es da z. T. zugeht. Da können Emotionen und Fakten nämlich sehr häufig nicht getrennt werden und es wird munter gemobbt, rumgezickt und gezankt. Jeder will Recht haben und jeder meint, seine Meinung/seine Vorgehensweise/seine Arbeitsweise sei die einzig richtige. Effizienter wär die Welt dann auch nicht, weil sich dauernd gezankt wird, was denn nun effizient ist und was nicht und man am Ende überhaupt nicht mehr vorwärts käme.


    Eine Bekannte (Nicht-Autist) hat neulich, ohne von meinen Gedanken zu wissen, zum Stichwort "Autismus" gesagt: "Naja, die Menschheit entwickelt sich halt weiter." Und dann hat sie mir erklärt, dass sie der Überzeugung ist, dass Autisten eine evolutionäre Weiterentwicklung sind.

    So manche vermeintliche "Weiterentwicklung" erwies sich am Ende als Sackgasse (bestes Beispiel: Der Neandertaler).


    Wenn man darüber nachdenkt, wäre das auch eine weitere (!) Erklärung (neben manch anderen naheliegenden) dafür, warum es immer mehr Autisten gibt.

    Das glaub ich nicht. Das liegt wohl eher da dran, dass Autismus leider zu einem gewissen Grad leider zur "Modediagnose" verkommen ist und leider viel zu viele Ärzte Autismus diagnostizieren, obwohl die im Grunde gar keine Ahnung davon haben. Ausserdem laufen auch viel zu viele Leute rum, die sich einfach mal selbst als Autist diagnostizieren, obwohl die gar keine sind. Fast jeder will heutzutage eine "Special Snowflake" sein und womit geht das besser als mit Autismus? Ist ja auch gleich noch eine prima Ausrede, sich blöd benehmen zu dürfen und nicht an sich arbeiten zu müssen.


    Wie findet Ihr die Idee? Wir sind nicht "gehandicapped", wir sind einfach die Vorreiter eines neuen Menschentyps, der irgendwann Standard sein wird. Wir sind einfach nur die ersten und daher (leider) unserer Zeit noch voraus.

    Ich find die Idee abwegig. Wir sind nicht Vorreiter eines neues Menschentyps, wird sind einfach nur die neuen Neandertaler. Mehr nicht.


    Dass Autisten (diejenigen ohne schwere geistige Beeinträchtigung) in gewissen Bereichen leistungsfähiger sind als die meisten NTs bedeutet ja nicht, dass sie nicht u.U. bei Dingen, die für NTs unproblematisch sind, trotzdem Unterstützung brauchen.

    Ich wüsste nicht, wo Autisten leistungsfähiger als NTs sein sollten. Ja, manche Autisten sind in ihrem SI gut, aber mehr auch nicht. Die meisten Autisten sind doch bedingt durch ihre autistischen Einschränkungen (wie z. B. Probleme im sozialen Miteinander, mangelnde Flexibilität, starke Reizempfindlichkeit) sogar viel weniger leistungsfähig als NTs.


    Ich sage, dass Autisten m.E. im Allgemeinen in ihrer Kommunikation besser in der Lage sind, Emotionen von Fakten zu trennen.

    Meiner Erfahrung nach sind sie das leider nicht.


    Und ich sehe in meinem Alltag häufig, dass Emotionen und nonverbale Kommunikation vielen Menschen in vielen Bereichen sehr im Weg stehen und ihnen das Leben mit ihren Mitmenschen unnötig schwer machen.

    Das ist unter Autisten auch nicht anders.

    Touch not the cat bot the glove

  • Hallo Pixel,

    Du hast Deinen Beitrag erst geschickt, während ich meine letzte Antwort schon getippt habe, daher habe ich mich nicht auf ihn bezogen. Deine Antwort fand ich tatsächlich freundlich und sachlich und teilweise ziemlich differenziert auf meine Überlegungen bezogen.

    Generell empfinde ich Deine Art zu formulieren als sehr angenehm. Du wirkst dadurch sehr freundlich und umsichtig. (Nur mal als Rückmeldung, weil das Autisten ja oft nicht 100% sicher bei sich selbst einschätzen können.)

    Bzgl. Deiner Frage: Ich habe tatsächlich nach echtem Feedback gefragt. (Und bei uns in der Forschung ist Widerspruch wertvoller als Zustimmung. Nur so können wir unsere Neuerungen überprüfen.) Aber tatsächlich nach Feedback auf meine Theorie, nicht nach Feedback auf Dinge, die jemand in meine Aussagen reindichtet.

    Wenn ich z.B. sage, dass Autisten, die keine schwere geistige Beeinträchtigung haben, in gewisser Weise viel leistungsfähiger sind als andere Menschen, dann habe ich nicht in Abrede gestellt, dass sie gleichzeitig in vielen Bereichen eventuell deutlich weniger leistungsfähig sind. Dann habe ich auch nicht behauptet, dass jedem diese Fähigkeit überhaupt bewusst ist. Weder den Betroffenen noch der Gesellschaft. Dann habe ich lediglich gesagt, dass in den meisten Fällen eine autistische "Hirnstruktur" irgendwo auch Fähigkeiten mit sich bringt, die denjenigen der Durchschnittsbevölkerung in genau dieser Sache überlegen macht. (Und es ist in mehrerlei Hinsicht ratsam, diese Fähigkeit zu suchen und zu nutzen. Zum einen für die Gesellschaft, die davon profitieren wird, zum anderen für die Betroffenen, die dadurch einen ganz anderes Ansehen und Standing gewinnen und dadurch automatisch einen höheren Selbstwert. Aber momentan ist die Welt noch nicht so weit. Und wir dürfen nicht vergessen, dass wir vor Jahrzehnten ausgewachsen sind. Da war die Gesellschaft nochmal rückständiger in Bezug auf Autismus als jetzt.)

    Wenn ich dann aber Reaktionen bekomme, bis hin zu dass sich Autisten von dieser Aussage verhöhnt fühlen, weil sie im Alltag Hilfe benötigen und dann ein ganzer Chor einstimmt, weil offenbar keiner differenziert gelesen hat, auch meine weiteren Erklärungen nicht, und mir tatsächlich jede einzelne Aussage im Mund rumgedreht wird, dann machen auch weitere Erklärungen keinen großen Sinn, weil die ja dann auch vermutlich nicht in ihrer Differenziertheit erfasst werden. (Die Erklärung hier ist davon ausgenommen, da Du tatsächlich differenziert und freundlich reagiert hast. :) )

    Generell beende ich Diskussionen mit Menschen, die unbescheiden argumentieren. Damit meine ich, wenn jemand z.B. so tut, als spräche er für das Universum (z.B. Formulierungen wie "das ist so" anstelle von "das sehe ich so"), oder wenn man in seinen Formulierungen eine negative oder ablehnende Einstellung dem anderen gegenüber mitschwingen lässt. (Und ja, ich meine, auch Autisten können lernen, zumindest in schriftlichen Kommunikationen so zu formulieren, dass sie nicht verletzen, ohne es zu wollen.)

  • (Anmerkung: Das Verfassen dieser Antwort hat sich mit den letzten beiden Beiträgen überschnitten)

    Da die Reaktionen allesamt an meinen Aussagen vorbei argumentieren, oder sogar das bekräftigen, was ich sage, aber im Ton des Widerspruchs, sehe ich ein, dass es keinen Sinn macht, meine Hypothese weiter zu erläutern.

    Ich denke nicht, dass alles, was du eingangs geschrieben hast, falsch ist. Ich denke auch nicht, dass alle Antwortenden allen deiner Argumente widersprechen wollten. Gerade der meiner Ansicht nach sehr differenzierte Text von Kayt (und schön geschrieben, Chapeau!) greift doch einige positive Aspekte heraus. Vielleicht nochmal sacken lassen?


    Auf einen Punkt daraus würde ich gerne kurz (ups :/ ) eingehen:

    Ich bin keine (Evolutions-)Biologin. Ich glaube aber, dass es sinnvoll ist, anzunehmen, dass eine Spezies über einen langen Zeitraum besonders erfolgreich existieren kann, wenn sie möglichst viele Nischen besetzen und sich anpassen kann. Ich sehe die Menschheit als eine solche Spezies an. „Neurotypie“ sehe ich als menschliches neuronales Default-Programm.

    Ich bin auch nicht spezialisiert auf Evolutionsbiologie, mit meinem lebenswissenschaftlichen Background halte ich die These aber für plausibel. Vor dem Hintergrund könnte man folgendes spekulieren (und hier schlage ich den Bogen zurück zu deinem Eingangsbeitrag, Vitaminzwerg )


    Die Zunahme an Bedarf für technisch versierte Arbeitnehmer insbesondere in der IT hat zu einem Gehaltszuwachs in der Branche geführt, der schon an sich einen evolutionären Vorteil bei der Partnerwahl darstellt (sehr gute Chancen, eine Familie zu ernähren -> attraktiver). Dazu kam es meiner Einschätzung nach wodurch auch immer zu einer zumindest teilweisen Imageverbesserung für den Typus "Nerd"/"Geek", was wiederum die Chancen bei der Partnerwahl und damit auf Fortpflanzung erhöht.


    Unter der Annahme, dass ein gewisses Maß an "autistischen Gene" für die Art Denken notwendig sind, die man für solche technischen Berufe braucht (wofür unter anderem Temple Grandin und Simon Baron-Cohen argumentieren), könnte der Zuwachs an Autismusdiagnosen zum Teil auch dadurch begründet sein, dass es einen echten Zuwachs an autistischen Individuen gibt, bedingt durch die erhöhten Chancen auf Fortpflanzung für Träger solcher Gene.


    Ein paar Wenns und Annahmen, aber so könnte man es als evolutionäre Entwicklung sehen. Aber: Evolution ist nicht geradlinig und verfolgt kein Ziel. Es kann im Prinzip mehrere Evolutionsrichtungen gleichzeitig geben ("Homo Sapiens 2.a-z"). Das entspräche dem Besetzen verschiedener Nischen, vom dem Kayt schrieb, oder aber sich ergänzenden Spezialisierungen, einer Art Aufgabenteilung, die der Population insgesamt zugutekommt. Den Typus des Selbstdarstellers und Blenders beispielsweise, der eine vermutlich völlig entgegengestetzte genetische Ausstattung hat mit sehr ausgeprägten Fähigkeiten, sich in sozialen Gefügen durchzusetzen, schätze ich evolutionär immer noch "auf dem aufsteigenden Ast", mit viel größeren Fortpflanzungschancen als den typischen Nerd. Der wird sehr wahrscheinlich (meine persönliche Einschätzung) nicht so schnell verdrängt werden. Eine allein aus Selbstdarstellern bestehende Population wäre aber mit ziemlicher Sicherheit auch ziemlich schnell ausgestorben. ;)


    Als zweiter Punkt, der meiner Ansicht nach gegen eine dauerhafte Evolutionsrichtung in Richtung "mehr Autismusgene" spricht: Was temporär ein evolutionärer Vorteil ist, muss es nicht langfristig in jedem Fall bleiben, wenn sich die Bedingungen ändern. Was ich von meinem Mann aus seiner Arbeit in der Webentwicklung mitbekomme, wird mittlerweile auch in der IT immer mehr Flexibilität und auch kommunikatives Können gefordert, Dinge, die Autisten in der Regel schwerer fallen. Was bisher eine große und evolutionär günstige, da lukrative, berufliche Nische für Autisten war, kann also auch wieder kleiner werden, wenn sich die Arbeitsbedingungen ändern. Genauso in der Wissenschaft, die von Attwood noch als so etwas wie ideale Nische für hochfunktionale Autisten gepriesen wurde, meiner Erfahrung nach aber zusätzlich zu den fachlichen Fähigkeiten ebenfalls wesentlich höhere soziale und verbal-kommunikative Fähigkeiten erfodert, um sich dort dauerhaft zu etablieren, als es anno dazumal der Fall gewesen sein mochte.


    Das waren meine zugegebenmaßen etwas abgeklärt-deprimierten 2 cents. Ich hoffe dennoch, dass meine Kinder aus den ihnen mitgegebenen Genen das Beste machen und ihre persönliche Nische finden, ob sie ihre Gene nun weitergeben werden oder auch nicht. <3

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