Umgang mit "Schuld"

  • Hallo!

    Grundfrage: Wie geht ihr mit der ständigen "Schuldigsprechung" des Umfelds um?

    Es geht mir nicht um das Gefühl von Schuld, sondern um das, was Andere auf einen projizieren ("jemanden schuldig machen"). Ich spreche an dieser Stelle von meiner eigenen Erfahrung, vielleicht bin ich auch einfach der Einzige, dem das so widerfährt.

    • wenn ich ehrlich bin, bin ich schuld
    • wenn ich unehrlich bin, bin ich schuld
    • wenn ich etwas nicht verstehe, bin ich schuld
    • wenn ich etwas verstehe, bin ich schuld
    • wenn ich etwas nicht kann, bin ich schuld
    • wenn ich "zu gut" in etwas bin, bin ich schuld
    • wenn ich frage, bin ich schuld
    • wenn ich nicht frage, bin ich schuld

    Egal, wie ich mich verhalte - dadurch, dass ich "anders" bin, wird mir immer die Schuld an der Situation zugesprochen. Das war bereits vor meiner Diagnose so, etwa seit der Grundschuld - wenn etwas in meiner unmittelbaren Nähe passiert, werde ich zur Verantwortung gezogen, egal ob ich überhaupt beteiligt war.

    Auf der Arbeit wurden mir immer komplett offene Aufträge ohne Details erteilt, die ich erledigen sollte, ohne nachzufragen (ansonsten hieß es sofort "Das ist doch reine Zeitverschwendung!"), also ohne zu wissen, was der Auftraggeber überhaupt wollte. Wenn ich das nicht wusste, ohne dass mir das überhaupt jemals gesagt wurde, war ich schuld. Projekt "zu lange" gedauert? Schuld. Projekt "zu früh" fertig? Schuld.

    Mir ist bewusst, dass ich für meine Behinderung nicht schuld bin - aber ich werde grundsätzlich so behandelt. Dass das überhaupt so ist und vielleicht belastend sein könnte, glaubt mir aber auch niemand - schließlich bin ich ja Schuld an meinem eigenen Zustand, ich "könnte mich ja auch anpassen". Dass das exakte das Gleiche ist, wie einen Rollstuhlfahrer zum Laufen zu drängen, versteht niemand.

    Jede andere Behinderung wird sofort akzeptiert, hochfunktioneller Autismus "existiert nicht". Wer nicht aktiv leidet, der darf sich nicht beschweren.

    Das ganze Ding halt. Ich weiß, ich frag hier diejenigen, die wahrscheinlich in Teilen damit klar kommen, sonst wären sie gar nicht erst hier registriert, sondern hätten sich längst von der Welt abgekapselt (mein Traumzustand, geht nur leider nicht) oder radikalere Entscheidungen.

    Danke für Input.

    P.S.: Vorsichtshalber bitte ich hier noch ganz offiziell um Entschuldigung, dass ich überhaupt diesen Text verfasst und veröffentlich habe - für die, die mich sofort in die angesprochene Schublade stecken.

  • Ist ein gutes Thema AutisticHans

    Hast Du auch gut beschrieben. Verständlich. Also, soll auch heißen, ich hab Dich gut verstanden, und es geht mir auch so.

    Ich gehe gar nicht damit um. Das zur Eingangsfrage. Ich bin nicht in der Lage bei Svhuldzuweisungen, so sie ungerechtfertigt sind, großartig darauf einzugehen und nehme zur Kenntnis und nehme es hin. Wenn es mir möglich ist, gehe ich aus dem Kontakt => Kopfhörer auf, Mensch ignorieren => Serie gucken, Musik hören.

    Was soll man anderes tun. Es führt doch zu nichts.

    Stimmt die Schuldzuweisung an mich hingegen offenkundig, sage ich ordentlich Entschuldigung. Bei schwereren Verstößen meinerseits biete ich eine Wiedergutmachung an.

    Hopps Hopps Hopps

    Beste Grüße sagt Klarissa 👋🏻

  • Wenn jemand anders dich als Schuldigen sieht, kannst du seine Perspektive nicht verändern. Auch deshalb, weil die meisten Menschen mit der Suche bzw. der Benennung eines "Schuldigen" die Verantwortung wegschieben für die ggf. eigenen Schuldmomente.

    Wenn jemand anderes schuld ist, braucht man sich selbst nicht mehr rechtfertigen.

    Viele Menschen tendieren dazu, bei Fehlern im System die Verantwortung entweder zu externalisieren (Der Bus war zu spät, also konnte ich nicht pünktlich zum Termin erscheinen. Dass ich den Wecker überhört habe, ist ja nicht meine Schuld)) oder zu internalisieren (Ich hab verschlafen, ist klar, dass das nur mir passiert und alle anderen sind pünktlich).

    Ich glaube, jede Person kennt das Gefühl, "die Schuld in die Schuhe geschoben zu bekommen".

    Ein Therapeut sagte dazu mal: "Ich werfe einen Schuh in den Ring. Ihr findet auch ohne mich heraus, wem er passt".

    Am Ende passte der Schuh keinem von uns und dann fragte der Therapeut: Wer von euch hat meinen Schuh anprobiert? Und warum habt ihr ihn angezogen? Und wer hat euch dazu aufgefordert, den Schuh selbst anzuziehen?

    Der Schuh sollte dabei symbolisch die Schuldzuweisung darstellen und das Anziehen die Tendenz des Menschen, ein Urteil von Außen auf uns selbst zu beziehen. Völlig unabhängig davon, ob das Urteil angemessen, erbeten oder passend ist. Und das wir genau so auch die Möglichkeit hätten, die Schuldfrage als das zu behandeln, was es ist: Ein Schuh, der nicht an den eigenen Fuß gehört und auch dafür nicht vorgesehen war. Den wir da hätten stehen lassen können. Unbeeindruckt, bis der Besitzer sich selbst drum kümmert.

  • Erstmal Danke für die Beiträge.

    Yuna Das ist mir alles klar, ich zieh mir den Schuh auch nicht an, aber dass alle möglichen persönlichen Nachteile dadurch entstehen, ist offensichtlich. Darum geht's mir letztlich. Ich kann mein "Recht" auf menschliche Akzeptanz nicht einfordern, die spricht mir mein Umfeld ja ohnehin direkt ab - egal, wie ich mich verhalte, am Ende bin ich aus 1,000 Menschen der Einzige mit einem Nachteil.

    So lange mein gesamtes Umfeld das so macht, habe ich keine Möglichkeit, meine "Position" irgendwie zu verändern - und das macht mir ehrlich gesagt an manchen Tagen zu schaffen.

    Ich sehe unter diese äußeren und scheinbar nicht beeinflussbaren Faktoren kein "würdevolles Dasein" im Sinne von entgegengebrachter Grundakzeptanz (also sogar weniger als Respekt) - das (also Akzeptanz) scheint nämlich in keinster Weise drin zu sein.

    Nicht umsonst habe ich keinerlei Perspektiven, Wünsche oder Träume mehr - ich bin in meinen Augen seit der Diagnose in meinem "letzten Lebensabschnitt" der vollkommenen Stagnation angekommen, unabhängig davon, wie lange der andauern mag.

    Natürlich, auf der einen Seite sag ich mir "Gut, dann war's das jetzt eben" (im SInne von "da kann nichts mehr kommen") und lebe weiterhin so gut abgeschottet, wie möglich und verlasse meine Wohnung nur zum Einkaufen oder um dem nächtlichen Lärm für ein paar Stunden zu entfliehen. Aber ein Dasein ohne Inhalt erschließt sich mir nicht. Und als zentrale Diskrepanz sehe ich zum Großteil diese fortwährenden Schuldzuweisungen.

    Demnach könnte ich auch die folgende Frage stellen: "Welche Form der Existenz ist überhaupt noch sinnvoll, wenn jegliches Handeln zum selben Ergebnis führt, dass man mich ablehnt und ausgrenzt?"

  • Ich sehe unter diese äußeren und scheinbar nicht beeinflussbaren Faktoren kein "würdevolles Dasein" im Sinne von entgegengebrachter Grundakzeptanz (also sogar weniger als Respekt) - das (also Akzeptanz) scheint nämlich in keinster Weise drin zu sein.

    Ist das auch im Forum hier deine Wahrnehmung?

    Was genau wünschst du dir? Und von wem? Ganz konkret, wer soll welches Verhalten ändern?

    Bitte verstehe mich nicht falsch, wenn ich hier jetzt schreibe, dass deine Beschreibung mir auffallen, weil es Verallgemeinerungen "immer", viele Superlative und viele Extreme beinhaltet.

    Ich kann mein "Recht" auf menschliche Akzeptanz nicht einfordern, die spricht mir mein Umfeld ja ohnehin direkt ab - egal, wie ich mich verhalte

    Was meinst du mit Recht auf menschliche Akzeptanz? Und welches Umfeld hat diese Definitionsmacht?


    Worauf ich hinaus will: Ich kann nicht die Vergangenheit (als Fakt) ändern, sondern nur meine Perspektive- also meine Bewertung dessen. Das heißt nicht, dass ich gutheiße, was passiert ist. Aber dass ich für mich entscheide, welche meiner Grenzen für mich absolut sind, wo ich Zugeständnisse machen kann und wo ich die Grenzen meines Gegenüber respektiere so wie ich mir das für mich wünsche.

    Was ist es, was du als Ziel erreichen möchtest? Wie definierst du dich als wertvolles Individuum, als Mensch? Was ist deine Stärke?

  • Ist das auch im Forum hier deine Wahrnehmung?

    Was genau wünschst du dir? Und von wem? Ganz konkret, wer soll welches Verhalten ändern?

    Bitte verstehe mich nicht falsch, wenn ich hier jetzt schreibe, dass deine Beschreibung mir auffallen, weil es Verallgemeinerungen "immer", viele Superlative und viele Extreme beinhaltet.

    Alles gut, danke für den Hinweis.

    Neinnein, hier ist das in Ordnung, es geht konkret um Direktkontakt. Im Prinzip würde ich mir wünsche, dass ein Gegenüber von mir akzeptiert, dass ich nur anders kommunizieren kann, als derjenige selbst. Dass ich implizite Ebenen nicht wahrnehme sonden nur die direkte Semantik. Dass das nichts mit "anstrengen" oder "lernen" zu tun hat, sondern als Entwicklungsstörung ganz faktisch nicht nachholbar ist. Und dass ich in meinem ganz speziellen Fall innerhalb des Spektrums aufgrund meiner persönlichen Historie während der Entwicklung (nicht bezogen auf die oben genannten Beispiele, nicht verwechseln) auch so gut wie nicht in der Lage bin, ganz bewusst nicht ehrlich zu sein, weil mich das in meiner eigenen Existenz direkt angreifen würde. Und dass auch so eine Erklärung kein "Rausreden" oder "Einbildung" ist, sondern genauso ein Teil der Behinderung, für den man innerhalb der Kommunikation eine gemeinsame Ebene finden muss (oder müsste). Dass der Vergleich mit einem stark Gehbehinderten, dem man die Gehhilfe wegnimmt eben nicht weit hergeholt ist, sondern in meiner Realität eine direkte Parallele.

    Das meine ich mit Grundakzeptanz.

    Ja, meine Verallgemeinerungen sind auffällig, das ist mir bewusst. Ich fahre innerhalb meiner Realität grundsätzlich einfach "besser" damit (sprich: mit weitaus höherer Deckung), wenn ich von Anfang an ganz bewusst das für mich ungünstigste Szenario annehme. Wenn das in Einzelfällen mal nicht so ist und man mich zum Beispiel nur ignoriert statt offen angreift, schlägt da nicht mit sonderlich viel Gewicht zu Buche, deshalb bleib ich erstmal bei dieser Herangehensweise.


    Und welches Umfeld hat diese Definitionsmacht?

    Naja letztlich jeder Einzelne, der mir gegenübertritt, sobald es aufgrund der Interaktion wichtig ist, eine gemeinsame Kommunikationsebene zu haben. Weiß nicht, ob ich das jetzt unbedingt Definitionsmacht nennen würde, aber vielleicht erklärt das zumindest den Rahmen.

    Das Thema "Schuldsprechung" greift genau dann, wenn das Gegenüber trotz den Informationen, die ich mitteile (weil die Behinderung schließlich "unsichtbar" ist), auf seinem Standpunkt verharrt, keine Ebene finden zu müssen und weiterhin von mir zu erwarten, dass ich alles Gesagte einwandfrei interpretieren kann und immer exakt so antworte, wie man es von einem neurotypischen Menschen erwarten würde. Ich will das nicht als Schlagwort verwenden, nur zur Gegenüberstellung und Verdeutlichung. Also jemand, der ohne es erklären zu können zum Beispiel versteht, wenn eine oberflächlich-semantisch explizite Aufforderung genau das Gegenteil bedeutet (also dass diese Aufforderung heißt, genau das nicht zu tun). Und durch meine Informationen zu verstehen, dass dieser unterbewusste Mechanismus bei mir nicht greifen kann, weil er nie sozial geprägt wurde in der Entwicklungsphase.

    Ich stehe ein paar Wochen vor dem ersten Gespräch mit einem Berater von der Jobbörse und weiß, dass kein einziger der Arbeitsplätze in deren Portfolio auf das passen könnte, was ich an Umfeld brauche. Unabhängig von der Kompetenz oder "Einfühlsamkeit" der Beratungsperson (solche gibt es ja tatsächlich) muss die Hürde dieser Akzeptanz erstmal überwunden werden und das ist einfach nur Glückssache, das hab ich verstanden.

    Ich male mir eben alle möglichen Szenarien aus, wie ich durch meine Kommunikation ganz schnell in Positionen rutsche, die mir ganz schnell den Stempel "arbeitsunwillig" aufdrücken und sofort Kürzungen vornehmen. Dass ich in Wirklichkeit durchaus arbeitswilig bin, aber extrem spezifische Voraussetzungen bei jeder Stelle bräuchte, ist dann irrelevant: man erwartet dann von mir, dass ich es beweise, arbeitswillig zu sein, indem ich mich ganz bewusst existenziell verneine und mir eine "systemkompatible" Rolle antrainiere. Dass mich das aber innerhalb kurzer Zeit innerlich kaputt machen würde, glaubt dann niemand - die Akzeptanz fehlt, ich werde dann also schuldig gesprochen, dass ich mich dem System nicht beuge, egal welche Gründe ich anführe.

    Ich versteh schon, dass das gesamte System nicht präventiv agiert, sondern reaktiv - erst wenn ein Ereignis oder Zustand eintritt, meinetwegen ein autistischer Burnout, dann wird gehandelt. Dass das von vornherein vermeidbar gewesen wäre, spielt keine Rolle in den Strukturen.

    Letztlich zieht sich das aber bis in den Privatbereit der persönlichen Kontakte. Nach der Diagnose hab ich das meinen Kontakten mitgeteilt und dargelegt, was sich dadurch für mich verändert, das stieß aber gänzlich auf taube Ohren und jetzt hab ich keine sozialen Kontakte mehr. Ich bin aber sehr zufrieden mit dem Zustand - eben genau weil diese Kontakte alle auf Schuldzuweisungen basiert haben. Im übertragenen Sinne also: "Wenn du nicht verstehst, dass du dich melden sollst, wenn ich dir sage, dass ich mich auf jeden Fall melde, dann bist du Schuld, wenn der Kontakt abbricht." In meinen Augen ist dieser Mechanismus (der natürlich nur innerhalb meines eigenen Systems so wirkt) fest in menschlichem Kontakt verankert und wird mir immer wieder begegnen; es ist einfach die Normalität.

    Und genau darauf zielt meine Frage ab: Wie damit umgehen?

    Einmal editiert, zuletzt von AutisticHans (17. Juni 2025 um 20:57) aus folgendem Grund: Ein Beitrag von AutisticHans mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • Danke für die Ergänzungen, das hilft mir, deine Beschreibung besser einzuordnen.

    Manche deiner Ausführungen erinnern mich an die "Anleitung zum Unglücklichsein" von Paul Watzlawik. Ein tolles Buch, wenn es darum geht, die Missverständnisse zum persönlichen Pech zu verstehen.

    Das mit dem nicht unehrlich Antworten können als ein Beispiel kann ich als eigener Erfahrung nachempfinden. Ich habe auch schon manchen Konflikt gehabt, weil ich für manche Menschen zu offen kommuniziere. Ich wollte fair und Absprachebereit sein, die Betroffene Person dachte, ich halte sie für inkompetent. Ich habe "nur" Informationen gegeben und die Zuhörer haben noch 10 andere Aussagen hineininterpretiert oder gehört. Es ist sehr anstrengend, eigene Aussagen fünf Mal zu kontrollieren, ob diese beim Gegenüber eventuell eine "unkontrollierte" Reaktion hervorrufen und zugleich sind manche Menschen davon überfordert, darauf warten zu müssen, bis wir unsere Sätze fertig gesproche haben, weil wir jedes kleinste Detail ansprechen müssen. Wir sprechen ein anderes Deutsch. Wir nutzen teilweise andere Wörter, andere Kontexte und teilweise auch eher "Bildungssprache". Im Alltag und im täglichen Leben erwarten viele Menschen allerdings einfache Sätze, Dialekt. Und dann sind sie verwirrt, weil wir einerseits sehr präzise und wortstark formulieren, andererseits aber genau mit dieser Präzision auch unsere Schwäche dafür offenlegen, dass wir uns eben nicht "einfach mal auf deren Niveau anpassen können".

    Ich weiß, ich habe Glück, dass ich auf der Arbeit mehrere Menschen habe, die auf meine Besonderheiten Rücksicht nehmen, ohne es zu beurteilen. Ich habe eine Chefin, die seit meinem Auting ihre eigene Kommunikation mir gegenüber reflektiert und es als Bereicherung sieht, dass ich ihr sage, wenn sie Bildsprache nutzt, die ich nicht verstehe. Ich habe Kollegen, die für mich das Licht ausschalten, wenn sie gehen, damit ich weniger visuelle Reize habe. Und mein ganzes Kollegium respektiert, dass ich ANC Kopfhörer trage, während andere Kolleg:innen schon wegen eine Mütze im Raum aus der Konferenz herausgeschickt wurden.

    Ich wünsche dir, dass du in deiner Umgebung auch auf Menschen triffst, die dich so annehmen wie du bist. Im Forum gibt es ja bereits paar gute Erfahrungen für dich. Vielleicht kannst du bald dieses positive Gefühl von hier mit in die wirkliche Welt mitnehmen.

  • Yuna Gut, dann ist deine Situation wieder ein Beispiel für "Glück gehabt", sprich: du musst nicht aktiv damit umgehen, genau wie auch KlarissaKunst. Hatte vor ein paar Wochen bei einem Autistentreffen ein Gespräch mit jemandem, wo das genauso ist: Therapeutin und Arbeitsleitung haben zufällig im privaten Umfeld Kontakt zu autistischen Personen und sind deshalb in der Lage, auf solche Dinge einzugehen.

    Ich würde meine Lage nicht als "Pech" bezeichnen, ich bin der Überzeugung, dass das einfach nur die Lebensrealität einer bestimmten Ausprägung ist. Zwar könnte ich sagen, dass das Zusammenfallen von den ganzen Umständen während meiner Entwicklung Pech war, aber meine Vergangenheit hab ich abgehakt, da werte ich nichts im Nachhinein.

    Ich hab meine inneren Einstellungen und Funktionsweisen analysiert und bin irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass die einzigen Menschen, die selbige überhaupt nachvollziehen könnten, Mathematiker oder Philosophen sein würden. Selbst Psychologen sind nicht darauf getrimmt, menschliche Kommunikation in ihrer Grundstruktur zu durchdringen, weil dafür müssten sie in der Lage sein, ihre eigenen neurotypischen Denk- und Verhaltensweisen zu dekonstruieren. Ohne Training und intensives 1:1-Coaching halte ich das gar nicht erst für möglich, weil die internalisierten (da geprägten) Mechanismen viel zu stark sind.

    Nur jemand, der in der Lage ist, kompromisslos ehrliche Antworten auf Warum-Fragen gegenüber sich selbst zu geben, kann überhaupt einen Ansatz finden. Keine Ahnung, ob das zu engstirnig ist, ich kann das schließlich bei niemandem testen ohne soziale Kontakte. Mein Psychiater weiß, dass ich keinerlei Perspektiven habe und mein Grundzustand ständiger Lebensüberdruss ist, aber er hat meine Lage gut verstanden und sieht selbst auch keinen Ansatz, wie daran irgendetwas zu ändern wäre. Er bietet mir auch gar keinen Termin mehr an, ich soll mich nur noch alle paar Wochen mal bei ihm melden, um eventuelle Änderungen mitzuteilen. Er hat realisiert, dass sich aller Wahrscheinlichkeit nach nichts ändern wird.

    War ein paar Mal in einem Sozialcafe und hab die Gesamtsituation einem angehenden Soziologen erklärt. Auch wenn er nicht alles verstanden hat (was vollkommen natürlich ist), er kam auch zu dem Schluss, dass es keinen Ausweg geben kann, weil jeder Ansatz direkt zu einem Zirkelschluss führt:

    • ich bräuchte jemanden, der meine mündlichen Aussagen in ein neurotypisch verständliches Format übersetzt
    • > diese Person müsste beantragt werden
    • > für die Beantragung bräuchte ich bereits ein Übersetzer

    Bisher war der einmalige Kontakt bei der Gruppe die einzige Person, die meine Ausführungen direkt verstanden hat und die ist natürlich selbst mitten im Leben mit allen seinen zahllosen Problemen.

    Was ich hier suche, sind Rückmeldungen von Menschen, die fortlaufend einem verständnislosen bis ablehnenden Umfeld ausgesetzt sind und innere Strategien entwickelt oder beigebracht bekommen haben, die es ihnen erlauben, auf irgendeine Art und Weise zufrieden zu sein, ohne sich selbst dafür negieren zu müssen (also z.B. nicht immer nur Antworten zu geben, die einer Erwartung entsprechen, aber das exakte Gegenteil des inneren Erlebens).

    Oder Hinweise, wie ich ohne mir irgendeine völlig fremde Rolle anzutrainieren mit einer Beratungsperson der Jobbörse sprechen müsste, ohne dass ich die ganze Zeit implizit beschuldigt werde.

  • Ich denke nicht, dass ich Schuld bin, dass ich existiere. Da haben sich zwei Personen gemocht, ich bin durch einen riesigen Zufall entstanden, weil ein Spermium schneller als sehr viele andere war. Daher ist auch mein Autismus ein Produkt dessen. Kann halt niemand vorher sehen.

    Von Schuld zu sprechen, wenn du deine Arbeit besser machst als erwartet, ist höchst problematisch. Zeigt aber entlarvend den Charakter der anderen Person(en).

    Wenn es um kommunikative Dinge geht, an denen ich schuld bin, dann weiß ich, dass das nicht geht, solange andere im Kommunikationsprozess beteiligt sind. Ich bin nicht für die anderen verantwortlich, damit die richtigen Fragen gestellt werden oder nachgefragt wird, ob ich es richtig verstanden habe. Ich gehe davon aus, dass ich es richtig verstanden habe, weil: wenn die Person etwas anderes hätte ausdrücken wollen, hätte sie es getan. Und weil ich das Gefühl habe, wenn ich nachfrage, stelle ich die Person als „dumm“ dar, weil ich eben das unterstelle: die Unfähigkeit sich gut genug auszudrücken.

  • ich bräuchte jemanden, der meine mündlichen Aussagen in ein neurotypisch verständliches Format übersetzt
    > diese Person müsste beantragt werden
    > für die Beantragung bräuchte ich bereits ein Übersetzer

    Es gibt einige hier, die ambulant betreutes Wohnen beantragt und bewilligt bekommen haben. Die Betreuer können unter anderem bei Behördengängen dabei sein und zumindest versuchen, zu "übersetzen". Vielleicht würde es dir helfen, wenn dir Leute die Schritte darlegen, die bei ihnen zur (erfolgreichen) Beantragung nötig waren?

  • ich bräuchte jemanden, der meine mündlichen Aussagen in ein neurotypisch verständliches Format übersetzt
    > diese Person müsste beantragt werden
    > für die Beantragung bräuchte ich bereits ein Übersetzer

    Dabei hilft der Psychiater. Der kennt auch die entsprechenden Vereine.

    Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe. Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.

  • Ich denke nicht, dass ich Schuld bin, dass ich existiere. Da haben sich zwei Personen gemocht, ich bin durch einen riesigen Zufall entstanden, weil ein Spermium schneller als sehr viele andere war. Daher ist auch mein Autismus ein Produkt dessen. Kann halt niemand vorher sehen.

    Von Schuld zu sprechen, wenn du deine Arbeit besser machst als erwartet, ist höchst problematisch. Zeigt aber entlarvend den Charakter der anderen Person(en).

    Wenn es um kommunikative Dinge geht, an denen ich schuld bin, dann weiß ich, dass das nicht geht, solange andere im Kommunikationsprozess beteiligt sind. Ich bin nicht für die anderen verantwortlich, damit die richtigen Fragen gestellt werden oder nachgefragt wird, ob ich es richtig verstanden habe. Ich gehe davon aus, dass ich es richtig verstanden habe, weil: wenn die Person etwas anderes hätte ausdrücken wollen, hätte sie es getan. Und weil ich das Gefühl habe, wenn ich nachfrage, stelle ich die Person als „dumm“ dar, weil ich eben das unterstelle: die Unfähigkeit sich gut genug auszudrücken.

    Ich glaube, du hast nicht ganz verstanden, um was es mir hier geht. Nicht Schuld, die bei mir ankommt, sondern Schuld, die unausgesprochen über die Reaktion des Gegenübers ausgedrückt wird und "im Raum hängt". Es geht auch nicht um Schuld an der eigenen Existenz - weiß nicht so recht, an welcher Stelle dieser Eindruck entstanden sein könnte.

    Frage zu deinem Kommentar: Was genau "geht" in deinen Augen nicht, wenn mir jemand Schuld zuspricht, ohne dass ich sie annehme? Ich frage, weil du meintest "dass nicht geht". Mir geht es ja nur um die Zuweisung, nicht um einen "abgeschlossenen Transfer", wenn du so willst. Ich nehme ja nichts an, ich fühle mich in keiner Hinsicht schuldig. Aber trotzdem werde ich durch die Zuweisung alleine bereits benachteiligt, weil man mich nicht ernst nimmt oder meine Grenzen nicht respektiert - und das Mittel der Wahl, mit dem das geschieht, ist in meinen Augen Schuldzuweisung.

    Ich mag mich umhören, ob jemand einen Weg gefunden hat, damit umzugehen. Nochmal ganz deutlich: nicht (!) mit der eigenen Schuld umzugehen - die existiert überhaupt nicht - sondern mit den Nachteilungen, die durch die reine Zuweisung als Mechanik von Unverständnis entstehen.

    Ist es so besser für dich verständlich? Oder war der Kommentar nur eine Selbstmitteilung, die nicht mit der Sache überlappt und du das nur loswerden wolltest?

    Scheint komplex zu sein, merke ich. Oder ich hab deutliche Probleme, das so auszudrücken, wie ich es meine, das muss jeder für sich selbst beurteilen und bei Bedarf rückmelden.


    Es gibt einige hier, die ambulant betreutes Wohnen beantragt und bewilligt bekommen haben. Die Betreuer können unter anderem bei Behördengängen dabei sein und zumindest versuchen, zu "übersetzen". Vielleicht würde es dir helfen, wenn dir Leute die Schritte darlegen, die bei ihnen zur (erfolgreichen) Beantragung nötig waren?

    Soziale Betreuung beruht erfahrungsgemäß auf einem ganz starren System aus Kostenträger, erbrachten Leistungen und ist nur genau den Autisten zugänglich, die

    • ihre Hilfebedürftigkeit ganz offen und leidend kundtun
    • nicht in der Lage sind, Behördenangelegenheiten alleine zu begehen aus Gründen, für die die Betreuungseinrichtung einen eindeutigen und eng begrenzten Ansatz anbietet

    Was in solchen Einrichtungen gemacht wird: Über ganz klar neurotypische Tests untersuchen, ob eine Hilfebedürftigkeit vorliegt - aber keine der Fragen wird bei mir eine Hilfebedürftigkeit ergeben, weil sie überhaupt nicht zu meiner spezifischen Situation passen können (siehe auch mein andere Thread bezüglich Fragebögen). Wenn ich beispielsweise nach Verständnisschwierigkeiten gefragt werden, dann wird damit gefragt, ob ich sie Syntax in eine Semantik übersetzten kann. Das kann ich - aber das geht komplett an meinem Hauptproblem vorbei, weil ich die Untertöne und kontextuellen Bedeutungen nicht greifen kann. Aber dafür wird keine Hilfe geboten, weil das etwas ist, was so gut wie alle Menschen können. Mehr noch: Wer es nicht kann - egal aus welchen Gründen (> Verallgemeinerung) - der wird aufgefordert, in irgendwelche Maßnahmen zu gehen, die es einem "beibringen". Aber was diese Maßnahmen mit mir machen würden: sie versuchen, mich in ein System zu pressen, welches mich dazu zwingt, mich bis zur Selbstaufgabe zu negieren. Nur dann können diese Methoden überhaupt funktionieren. Das ist bei anderen Ausprägungen hochfunktionellen Autismusses wahrscheinlich einfach nicht so drastisch ausgeprägt, wie in meinem Fall, dort gibt es diesen Zusammenhang entweder gar nicht oder nur stark abgeschwächt.

    Um nochmal den Direktvergleich mit einem Gehbehinderten zu bringen: Wenn er sich ohne Gehhilfe oder Rollstuhl fortbewegt, dann entstehen ihm starke Schmerzen, bei anderen Gehbehinderten ist das vielleicht nur anstrengend. Die Schmerzen werden von der Instanz aber ignoriert oder als Einbildung abgetan, deshalb lässt er sich laut des Ansatzes nur "integrieren", wenn er auf die Gehhilfe verzichtet und dann eben Schmerztabletten nimmt.

    Das komplette Dasein bei mir wird von Grund auf ignoriert durch solche systemischen Angebote, das ist mein Problem. Selbst gesetz den Fall, dass dort ein Betreuer arbeitet, der sich gut mit Autismus auskennt und meine Lage nachvollziehen könnte, hab ich keine Möglichkeit, überhaupt an ihn ranzukommen, weil dazwischen ein neurotypisches System ist, welches mein Anliegen gar nicht erst als Hilfebedürftigkeit anerkennt und mich direkt abweist.

    Verstehst du das Dilemma, was ich meine?


    Dabei hilft der Psychiater. Der kennt auch die entsprechenden Vereine.

    Ich meine, ich kann's nochmal über ihn versuchen, klar.

    Als ich ihm das letzte Mal in persona gesehen und meine Lage geschildert habe, war er sofort sehr verständnisvoll, hat aber direkt eingesehen, dass es - in seinen Augen - dafür keine "Lösung" geben kann, nur Medikamente, die mich sozusagen betäuben. Ich hab ja bereits die ganzen örtlichen Vereine abtelefoniert und wurde überall abgelehnt, selbst bei den spezialisierten, die ganz offen mit Unterstützung für Autisten werben - die sind zum Beispiel dafür zuständig, dass man sie auf dem Arbeitsmarkt integriert, aber sobald ich durchscheinen lasse, dass ich meine Situation akzeptiert habe, weil ich weiß, dass ich nichts an dem System ändern kann, sind sie ganz schnell weg.

    Und bezogen auf dieses Thread, ganz konkret: Man weist mit Schuld zu, weil ich nicht lautstark leide oder weil ich nicht exakt in das Muster passe, welchen sie selbstgewählt überhaupt bedienen. "Wie können wie Ihnen helfen?" - dazu müsste ich erklären, wo die Problematik liegt aber soweit komme ich überhaupt nicht: Sobald ich nicht sofort präzise Ziele formulieren kann, kommt ein "Warum rufen Sie dann UNS damit an? Sie brauchen ja offensichtlich keine Hilfe." und man legt auf. Und wenn ich sage "Ich möchte auf dem Arbeitsmarkt integriert werden", dann steckt man mich nur in eine Maßnahme für "soziales Training", die wie komplett an der Sache vorbei geht (siehe oben).

    Ich bräuchte nicht mehr, als jemanden, der mir zuhört, die Problematik versteht und dann nach Ansätzen sucht. Aber an so jemanden ist nicht zu kommen, weil die Hürden dorthin bereits auf einem Kommunikationsmodell beruhen, die ich nicht bedienen kann - und dafür wird mir Schuld zugewiesen, die ich zwar nicht annehme, aber die mir sofort alle Zugänge versperrt.

    3 Mal editiert, zuletzt von AutisticHans (18. Juni 2025 um 15:47) aus folgendem Grund: Ein Beitrag von AutisticHans mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • Also meine Betreuer vom Betreuten Wohnen funktionieren in erster Linie als Dolmetscher um eben genau dieses Dilemma zu vermeiden. Sie waren nicht auf Autismus spezialisiert haben sich aber fortgebildet und sehr bemüht.
    Klar, es ist nicht immer alles Sonnenschein, aber sie bemühen sich wirklich redlich.
    Ich werde auch nicht gezwungen Dinge zu lernen, die ich gar nicht lernen kann.
    Aber lernfähig ist prinzipiell auch ein Autist, nur eben in seinem Rahmen.

    Um Dein "Gehbehinderter"-Beispiel aufzugreifen. (Ich bin übrigens gehbehindert ;))
    Niemand würde zu einem Gebehindertem sagen "lauf gefälligst".
    Aber er würde ihm eine "Krücke" anbieten womit es leichter geht oder es kompensiert wird. Also Stock, Gehhilfe, Rollator, Rollstuhl.
    So wie Du schreibst bist Du aktuell der Gehbehinderte, der genau diese Krücken nicht will sondern lieber den ganzen Tag im Bett liegen will "geht ja nicht ich kann das nicht".
    Ambulantes Betreutes Wohnen ist nicht anderes als eine Gehhilfe. Die sind kein Taser der Dich aus dem Bett stromt.

    Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe. Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.

  • Um Dein "Gehbehinderter"-Beispiel aufzugreifen. (Ich bin übrigens gehbehindert ;))
    Niemand würde zu einem Gebehindertem sagen "lauf gefälligst".
    Aber er würde ihm eine "Krücke" anbieten womit es leichter geht oder es kompensiert wird. Also Stock, Gehhilfe, Rollator, Rollstuhl.
    So wie Du schreibst bist Du aktuell der Gehbehinderte, der genau diese Krücken nicht will sondern lieber den ganzen Tag im Bett liegen will "geht ja nicht ich kann das nicht".

    Moment, die Ausgangslage für das Beispiel ist anders:

    • die Person hat bereits einen (sagen wir dem Beispiel zu liebe an dieser Stelle selbstgebauten und perfekt auf ihre Bedürfnisse angepassten) Rollstuhl, weil das die einzige Möglichkeit für sie ist, sich ohne Schmerzen fortzubewegen
    • im Kontakt mit anderen Personen wird der Rollstuhl aber als Ausrede gewertet und die Person wird abgelehnt, weil sie den Rollstuhl benutzt
    • man sagt ihr, dass man wieder mit ihr spricht, sobald sie entweder ohne Rollstuhl erscheint oder einen gestellten benutzt, der ihr große Schmerzen verursacht
    • Akzeptanz oder das Bestreben um einen behindertengerechten Arbeitsplatz wird belächelt oder offen als "übertrieben anspruchsvoll" angegriffen

    Ich komme mit meinem eigenen Denksystem im Alltag ja ohne Probleme klar und auch Aufgaben innerhalb meines Kompetenzbereichs könnte ich auch wunderbar erledigen. Aber die Sozialbehinderung wird nicht ernst genommen, weil sie physisch nicht offensichtlich ist.

    Es geht nicht darum, dass das mit dem Rollstuhl passieren würde, sondern eben, dass das nicht passieren würde, aber die Ausgangslage ist die gleiche - man wertet in einem Fall ganz eindeutig in die eine Richtung, bei mir aber exakt gegenteilig. Der Rollstuhl bei mir ist keine Verhaltensentscheidung, sondern ein während der Entwicklung entstandenes und auf meine organischen Strukturen (> Synapsen) angepasstes Modell, ohne das ich wahrscheinlich nicht überlebensfähig gewesen wäre. Das ist ein fester organischer Bestandteil von mir - ich kann nicht "lernen", zu verstehen, wann jemand das exakte Gegenteil von dem meint, was er sagt, das ist eine Fähigkeit, die sich bei neurotypischer Entwicklung automatisch und völlig unterbewusst einprägt. Wenn das in der Phase nicht passiert, dann ist das nichts, was nachgeholt werden kann. Ein Kind, was in einem ausschließlich sprachlosen Umfeld aufgewachsen ist, wird nie in der Lage sein, natürlichen Sprachfluss zu lernen, aber mit einem gravierenden Unterschied: Dieser Mensch definiert sich nicht unbedingt über Schweigen und lernt Sprechen als Fähigkeit - weil sie erlernbar ist.

    "Sozial korrekte" Kommunikation besteht in seiner Basis unter Anderem aus ganz bewusst gesetzten Lügen (in Form von "ich drücke das genaue Gegenteil von dem aus, was ich denke") weil es in neurotypischer Kommunikation nie um die Sache an sich geht, sondern immer nur um das Gegenüber bzw. die Gegenseitigkeit. Wenn mich aber jemand fragt, welche Farbe der Himmel hat, wenn das Hauptthema Optik ist, dann sage ich nicht "grün", weil ich erahne, dass das Gegenüber das hören will, sondern antworte innerhalb des Kontexts. Mein Dasein gründet sich in seiner Gesamtheit auf kompromissloser Ehrlichkeit mir selbstr gegenüber. Das erlernte Lügen durch Kompetenztraining wird damit zur existenziellen Selbstvernichtung. Wer nicht lügt, dem wird eine Schuld zugesprochen, wenn sich bei der Antwort "blau" das Gegenüber sofort angegriffen fühlt - man hätte es ja "wissen müssen".

    Nimm eine schriftliche Mitteilung von einer Person an zehn Personen - neun davon wissen genau was gemeint ist, ich stehe aber vor einem Rätsel. Ich sehe die Syntax und ab da muss ich anfangen, zu analysieren und zu interpretieren und hab am Ende eine handvoll Bedeutungsmöglichkeiten, die alle mit der gleichen Wahrscheinlichkeit nebeneinander stehen. Die anderen neun Personen müssen überhaupt nicht erst analysieren, sondern wissen intuitiv (da neurotypisch geprägt) exakt, was damit gemeint ist und kommen meinetwegen in die nächste Auswahlphase. Wenn man sie fragen würde, warum sie das verstehen, kann keine Antwort kommen, weil diese Mechanismen so internalisiert sind, dass im Erwachsenenalter niemand mehr Zugriff darauf hat oder will als Schutzreaktion.

    Diese Unfähigkeit ist vollständig unverschuldet aber am Ende heißt es trotzdem: "Selbst dran Schuld, wenn er das nicht versteht."

    Der zentrale Knackpunkt bei der Sache: das Verstehen so einer Mitteilung ist die Voraussetzung, um überhaupt erst Kontakt zu einem Betreuer zu bekommen - der mir die Nachricht in meine Sprache übersetzen könnte. Das ist der Zirkelschluss, dem ich mich ausgesetzt fühle.

    Wie soll ich beim Kontakt zu irgendeiner "Hilfsstelle" meine Lage kommunizieren, wenn das Gegenüber von vornherein nicht akzeptiert, dass ich nur auf eine bestimmte Art und Weise kommunizieren kann und mich stattdessen beschuldigt, nicht "normal" kommunizieren zu können?

    Antwort: Ich muss Glück haben, wen ich an der Leitung habe. Ich kann mich nie darauf verlassen, dass irgendjemand meine Kommunikationsschwierigkeiten überhaupt als Behinderung anerkennt oder gar respektiert. Anrufe bei solchen Organisationen landen ja grundsätzlich bei einer Sprechstundenhilfe, die nur dafür zuständig ist, nach Schema F zu entscheiden, wen es sich lohnt, überhaupt auf ein Erstgespräch einzuladen. Mir zum Beispiel unterstellen, ich würde mir meine Situation nur einreden und aufzulegen ist nun mal ein einfaches und probates Mittel, um nur sozial angepasste und weitestgehend einfach zu betreuende Klienten anzunehmen.

    Also auch hier wieder: Wer nicht so kommuniziert, dass wir sofort eine eindeutige Hilfssituation sehen können, dem werfen wir das vor, indem wir ihn direkt als "nicht hilfsbedürftig" abweisen. Ich kann ja nichts dafür, dass das meine durchgängige Erfahrung war bisher.

  • Nur nochmal kurz zum Kompetenztraining:

    Dort wird sowas gesagt wie "Das Gegenüber will, dass du genau das Gegenteil von dem sagst, was du denkst. Dann sagst du das und beim Gegenüber kommt wieder das Gegenteil an und er wird mit einem weiteren Gegenteil antworten - aber nur, wenn DU in der Lage bist, exakt einzuschätzen, wann genau derjenige nur das Gegenteil als Antwortmöglichkeit überhaupt akzeptiert."

    Das heißt, ich werde nur vom Gegenüber akzeptiert, wenn ich genau dann lüge, wenn es das will und zwar egal in welchem Zusammenhang.

    Ist das zumindest ansatzweise nachvollziehbar, dass das für einen Menschen, der sein Leben lang seine eigene Realität nur dadurch festigen konnte, dass er sich die Welt erklärt, problematisch sein könnte? Ich sehe die ganze Zeit nur Selbstbetrug, offensichtliche Unwahrheiten und Gespräche, in denen nie das Gesprächsthema an sich im Zentrum steht, sondern immer nur das Streben nach Kontrolle über sein eigenes Leben oder das des Anderen. Um die selbstgebauten Luftschlösser nicht zum Einstürzen zu bringen, ist Ehrlichkeit das riskanteste Verhalten, was man jemals an den Tag legen könnte. Also zieht es sich durch Gespräche jeglicher Art, was ja auch überhaupt kein Problem ist - wenn das Gegenüber auf der gleichen Ebene funktioniert.

    Bei mir kommt an: "Das, was ich dir sage, stimmt ganz offensichtlich nicht. Ich sage dir das nur, damit ich mich nicht angreifbar mache. Du bist nämlich immer eine Gefahr für mein selbstgebautes Konstrukt, welches bei der kleinsten Hinterfragung sofort einstürzen würde. Also sag mir bitte auch nie die Wahrheit." - aber nicht bei selbst für mich nachvollziehbaren Themen auf privater Ebene, sondern in vollkommen sachlichem Kontext.

    Meinetwegen bei einem Berater der Jobbörse:
    "Würden Sie sich zutrauen, diese Arbeit auszuführen?"

    Bei mir kommt an: "Wir erwarten, dass Sie ohne Rückfragen alles annehmen, was wir Ihnen unterbreiten. Damit stellen wir fest, ob Sie nach unseren Vorgaben und Definitionen arbeitswillig sind. Sie dürfen uns nicht sagen, dass Sie Einschränkungen haben, die bestimmte Tätigkeiten für Sie unzumutbar machen, weil Sie eine Behinderung haben. Sie müssen nämlich wissen, dass wir sie dann entweder als schwierigen Fall einstufen oder direkt als unwillig einstufen - und Sie wollen doch sicherlich nicht, dass wir ihre Leistungen kürzen, oder? Und unterstehen Sie sich vor allen Dingen, zu fragen, was mit dieser Frage gemeint sein soll - das würde direkte Konsequenzen für Sie haben, das müssen Sie wissen! Es sollte doch von vornherein klar sein, dass es nicht darum geht, Ihnen eine Arbeit zu vermitteln, sondern zu prüfen, ob Sie systemkompatibel sind - jede Frage wird exakt darauf abzielen, das zu klären. Und wenn wir merken, dass Sie nicht kompatibel genug sind, dann stoßen wir Sie natürlich sofort ab. Ob Sie eine Behinderung haben, interessiert uns nicht, dafür sind wir nicht zuständig; wir folgen einem strikt vorgegebenen Plan, der darauf ausgerichtet ist, Zahlen für die Statistik zu beeinflussen. Auch wenn Sie nach zwei Wochen in einem stationären Aufenthalt landen wegen Burnout, sind wir dann nicht mehr für Sie zuständing und haben ganz offiziell unser Ziel trotzdem erreicht."

    Aber auch wenn ich das Ganze nicht dramatisiere, den Gedanken beiseite schiebe und "wahrheitsgemäß" antworte: ich kann ja nichtmal sagen, ob mein Gegenüber meine Antwort nicht vielleicht ins komplette Gegenteil wendet. Was, wenn ich "Ja." sage und damit den internen Vermerk "Keine Tätigkeiten in genau diesem Bereich" erzeuge, weil das Gegenüber die Antwort als "implizites nein" verstanden hat? Der Berater liest als neurotypischer Mensch ja überhaupt nicht meine Aussagen, sondern er schließt darauf, was "dahinter steckt".

    Letztlich: Es geht bei keiner Frage-Antwort-Situation darum, wahrheitsgemäß, sondern "korrekt" im Sinne des Gegenübers zu antworten. Und neurotypische Menschen wissen intuitiv, was "korrekt" für das Gegenüber in dieser Situation bedeutet:

    • sie sagen ehrlich "ja" oder "nein", wenn sie wissen, dass das Gegenüber das erwartet
    • sie sagen "ja", wenn sie "nein" meinen oder "nein", wenn sie "ja" meinen, weil sie wissen, dass das Gegenüber ihre Antwort ins Gegenteil dreht

    Und ich? Ich kann genausogut eine Münze werfen oder mit etwas völlig Anderem antworten, weil ich nicht wissen kann, was das Gegenüber damit macht.

    Merkt jemand, wie komplex meine Lage sich mir bietet?

  • Du verstehst nicht was ich sagen wollte obwohl ich auch noch Deine Analogie verwendet habe...

    Die Krücke ist in Deinem, und auch in meinem Fall, das ABW. Sie sprechen für mich, sie übersetzen in beide Richtungen. Du hast keinen "selbst gebauten super Rollstuhl der funktioniert". Du hast allerhöchstens ne Sackkarre.

    Um da ran zu kommen bedarf es entweder das Können (Anrufen, Bedarf kommunizieren) oder eben Hilfe dazu.
    In der Regel machen das die Psychiater. Da weigert sich keiner.

    Hohe Zahlen bei der Editierungsanzeige zeigen nicht, dass ich permanent meine Meinung ändern würde. Ich habe nur Probleme Rechtschreib- und Grammatikfehler zu tolerieren und korrigiere diese daher, wenn ich sie sehe. Dennoch kann auch ich Tippfehler übersehen. In diesem Fall bitte ich um Nachsicht.

  • Merkt jemand, wie komplex meine Lage sich mir bietet?

    Ehrlich gesagt kann ich manchmal nicht ganz folgen - ich habe den Eindruck, dass du Erfahrungen aus verschiedenen Kontexten (z.B. Hilfsangebote/Jobcenter/Arzt), so eng miteinander verknüpft darstellst, dass ich bei den Kontextwechseln nicht mitkomme. Ich habe auch den Eindruck, dass du dazu neigst, deine schlechten Erfahrungen (zu) stark zu verallgemeinern.

    Ambulant Betreutes Wohnen ist soweit ich weiß Teil der Eingliederungshilfe. Zusätzlich zum Psychiater als Ansprechperson gäbe es auch spezialisierte Beratungsstellen, z.B. die EUTB. Eine Userin hier wurde von Autinom beraten, die sind aber anscheinend nur lokal im Ruhrgebiet tätig.

    one day at a time

    Einmal editiert, zuletzt von Shellfish (18. Juni 2025 um 19:31)

  • Du verstehst nicht was ich sagen wollte obwohl ich auch noch Deine Analogie verwendet habe...

    Die Krücke ist in Deinem, und auch in meinem Fall, das ABW. Sie sprechen für mich, sie übersetzen in beide Richtungen. Du hast keinen "selbst gebauten super Rollstuhl der funktioniert". Du hast allerhöchstens ne Sackkarre.

    Um da ran zu kommen bedarf es entweder das Können (Anrufen, Bedarf kommunizieren) oder eben Hilfe dazu.
    In der Regel machen das die Psychiater. Da weigert sich keiner.

    Ah, verstehe, alles klar, danke.


    Ehrlich gesagt kann ich manchmal nicht ganz folgen - ich habe den Eindruck, dass du Erfahrungen aus verschiedenen Kontexten (z.B. Hilfsangebote/Jobcenter/Arzt), so eng miteinander verknüpft darstellst, dass ich bei den Kontextwechseln nicht mitkomme. Ich habe auch den Eindruck, dass du dazu neigst, deine schlechten Erfahrungen (zu) stark zu verallgemeinern.

    Ambulant Betreutes Wohnen ist soweit ich weiß Teil der Eingliederungshilfe. Zusätzlich zum Psychiater als Ansprechperson gäbe es auch spezialisierte Beratungsstellen, z.B. die EUTB. Eine Userin hier wurde von Autinom beraten, die sind aber anscheinend nur lokal im Ruhrgebiet tätig.

    Das passt doch, danke.

    Einmal editiert, zuletzt von AutisticHans (18. Juni 2025 um 20:23) aus folgendem Grund: Ein Beitrag von AutisticHans mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • So vielseitig wie das Spektrum selbst sind auch die Beratungs - und Betreuungsangebote.

    Ambulant betreutes Wohnen gehört zur Eingliederungshilfe. Das Sozialamt kann nach einem formlosen Antrag den Auftrag vergeben, ein Sozialarbeiter kommt zu dir und erledigt mit dir den Papierkram. Ein Brief vom Facharzt mit Diagnose und Empfehlung der Maßnahme reicht aus, um das zu bewilligen.

    Du hast dabei ein Wahlrecht beim Anbieter, von das Amt für dich sucht.

    Mein Sohn hat vor einem Monat eine I-Kraft bekommen und wir durften wählen, wer da kommt.

    Das hat auch nix mit Jobbörse zu tun, das Jobcenter braucht dafür nix, sondern eben das zuständige Sozialamt.

    Über das Jobcenter kann man als Maßnahme eine psychosoziale Betreuung bekommen. Das ist ähnlich wie das ambulant betreute Wohnen, wird aber vom Jobcenter bezahlt und ist ein individuelles Einzelfallangebot. Auch da geht es darum, jemanden zu schicken, der versucht, zwischen dir und anderen Stellen zu übersetzen und zu eruieren, welche Angebote sinnvoll sind und welche man sich sparen kann.

    Und auch wenn es dir sehr schwer fällt, versuche dich von dem Anspruch zu lösen, dass alle anderen Personen dich 100% verstehen. Das schaffen auch Neurotypen nicht untereinander. Auch wenn es manchmal so aussieht.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!