Vertrauen ≠ Prophezeien oder Versprechen.
Bei dem Beispiel der Bank-PIN geblieben. Warum ich diese meinem Freund ruhigen Gewissens anvertrauen könnte: ich kenne ihn, seine Werte, seine Absichten mir gegenüber seeeehr gut und lange (und sein Verhalten bezüglich Werten und Absichten mir gegenüber war immer konsistent und kohärent.) Das heißt, dass ich mir seeehr sicher bin, dass er unter normalen Alltagssituationen diese PIN nie weitergeben würde.
Natürlich könnte er einen Hirnschaden erleiden und plötzlich in Folge dessen mein Konto leerräumen oder er könnte meine PIN unter Folter herausgeben. Das hat für mich aber nichts damit zu tun, dass er nicht vertrauenswürdig sei.
"Ich vertraue auf XY" bedeutet nicht "Ich weiß, dass unter egal welchen Umstände alles eintritt worauf ich vertraue/". Und trotzdem oder gar deswegen ist es für mich nicht unlogisch zu vertrauen. Wichtig ist doch, das ständige Updaten des Status Quo. Sind meine Annahmen noch immer valide? Hat sich etwas geändert und wenn ja, was?
Wenn ich mitbekäme, dass mein Freund vertrauliche Infos von Expartner im Internet veröffentlicht (völlig fiktives Beispiel), dann wäre es sicherlich nicht mehr sinnvoll, ihm meine PIN anvertrauen zu wollen.
Wenn ich plötzlich in einem Bürgerkriegsland lebe, ist es vermutlich nicht mehr sinnvoll darauf zu vertrauen, dass es auf der Straße meistens friedlich ist. Wenn sich aber an den äußeren Bedingungen nichts wesentlich geändert hat, ich aber meine Annahmen dahingehend verändere, dass es draußen inhärent unsicher ist und mir an "jeder Ecke nach dem Leben getrachtet wird" (Worst-Case-Annahme), sind die Chancen groß, dass ich mich in einer Angststörung oder einer Paranoia befinde.